Pädagogische Aspekte von Centered Riding und Horsemanship

 

Anita Weiss Lic.phil. Pädagogik 

 

Der Reitunterricht beinhaltet mehr als nur die technischen Fertigkeiten wie ein Pferd geputzt und geritten wird. 

 

Auseinandersetzung mit sich selbst 

Das Pferd ist der Spiegel des Menschen: Wenn ich Angst habe, hat mein Pferd auch Angst oder es fühlt sich zu mindest unwohl in meiner Gegenwart. 

Pferde sind gute Beobachter; sie erkennen sofort wenn beim Menschen Unsicherheit entsteht und beginnen seine Rolle als verlässlichen Partner in Frage zu stellen. Weil sich das Verhalten des Kindes auf das Verhalten des Pferdes auswirkt, wird das Kind immer wieder mit sich selber konfrontiert. In diesem Prozess entwickeln Kinder verschiedene Fähigkeiten. 

 

Umgang mit den eigenen Gefühlen 

Im Umgang mit dem Pferd können Gefühle wie Zufriedenheit, Freude, Zuversicht, Übermut, aber auch Unsicherheit, Furcht, Angst oder Ohnmacht entstehen. Diese glücklichen oder weniger glücklichen Momente wahrzunehmen und damit umzugehen ist nicht immer einfach. Wenn ein Kind sich lange Zeit wünschte zu galoppieren und das Pferd beim ersten Galopp einen Bocksprung macht, kann das Gefühl von freudiger Erwartung und Mut innert Sekunden in Angst umschlagen. 

Die Angst an sich ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: oft hat Angst die Funktion eines Schutzes. Wichtig ist bloss, dass die Angst kein Dauerzustand wird. Dazu muss ein Kind zuerst einmal zum Ausdruck bringen können, dass es sich fürchtet. Dann braucht es etwas Zeit und die Analyse, wovor es denn Angst hat. Über kleine Erfolgserlebnisse können wieder positivere Gefühle aufkommen. In diesen Prozessen lernt das Kind seine Gefühle wahrzunehmen, zu akzeptieren und zu beeinflussen. 

 

Verantwortung übernehmen 

Zur Auseinandersetzung mit einem Pferd gehört immer auch das Übernehmen von Verantwortung. Einerseits Verantwortung für sich selber: dies ergibt sich zum Beispiel aus der Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen. Wenn das Kind Angst hat, soll es das mitteilen können und nicht einfach unterdrücken. So lernt ein Kind langsam Verantwortung für das eigene Wohlergehen und die eigene Sicherheit zu übernehmen. Andererseits übernimmt das Kind von Anfang an auch eine gewisse Verantwortung für das Pferd. Zum Beispiel müssen nach dem Absteigen die Steigbügel hochgeschoben werden um zu verhindern, dass beim Verlassen des Platzes der Bügel am Zaun hängen bleibt. Das Hängenbleiben kann beim Pferd eine Panikreaktion auslösen. Durch das Hochschieben der Steigbügel übernimmt das Kind also Verantwortung für die Sicherheit des Pferdes. 

 

Lernen im richtigen Moment Hilfe anzufordern 

Manchmal gibt es Situationen, in denen etwas nicht auf Anhieb funktioniert. 

Dann ist es wichtig, dass das Kind nicht gleich aufgibt und es nochmals versucht. Aber irgendwann ist der Moment erreicht, wo der Alleingang nicht mehr sinnvoll ist. Wenn das Pferd beim Versuch ihm die Hufe auszukratzen zum siebten Mal das Bein wegzieht, ist es besser, jemanden um Hilfe zu bitten. Dann kann eine Kollegin oder die Reitlehrerin vielleicht mit einem einfachen Hinweis das Problem lösen. Oder wenn die Lösung nicht so einfach ist, kann man die Sache zu zweit anpacken: Einer hält das Huf und der andere kratzt es aus. Im richtigen Moment Hilfe anzufordern ist ein Ausdruck von Kompetenz. 

 

Teamfähigkeit 

In jeder Gruppe von Reitschülern gibt es Kinder mit verschiedenen Voraussetzungen: Sie sind unterschiedlich alt, Reiten unterschiedlich lange, haben unterschiedliche Interessen, ein unterschiedliches Selbstwertgefühl…. Im Bezug auf den Entwicklungsstand im Umgang mit dem Pferd wird bei der Gruppeneinteilung darauf geachtet, dass die Unterschiede nicht allzu gross sind. Doch trotzdem haben wir immer Gruppen mit unterschiedlichen Kindern. 

Dies ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Heterogenität fördert die Entwicklung! Das heisst je mehr Eindrücke auf uns einwirken, desto mehr Lernmöglichkeiten haben wir. Weil die Kinder verschieden sind, lernen sie zum Beispiel, dass sich nicht jeder in den gleichen Momenten fürchtet und dass nicht jeder gleich ehrgeizig ist. Diese Erkenntnisse führen dazu, dass Kinder soziale Kompetenzen erwerben; dass sie teamfähig werden. Es steht nicht der Konkurrenzgedanken, sondern die persönliche Entwicklung jedes einzelnen im Vordergrund. Aufgabe der Reitlehrerin ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, die Teamfähigkeit fördert und die Stunden so zu gestalten, dass jeder auf seinem Niveau dazulernen kann.

Teamfähigkeit ist nicht nur unter den Kindern, sondern auch zwischen Kind und Pferd zentral: Wenn sich das Pferd vor einem flatternden Plastik fürchtet, bringt es nichts, wenn das Kind denkt, „dieses blöde Pferd hat Angst vor einem harmlosen Plastik“. Wenn das Kind teamfähig ist, kann es verstehen, dass das Pferd in diesem Moment den Plastik als Bedrohung wahrnimmt. Das Kind muss dann in der Rolle des verlässlichen Partners das Pferd davon überzeugen, dass Angst nicht angebracht ist. 

 

Ressourcenorientierung 

Im Reitunterricht nach Centered Riding ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper zentral. Um sich selber wahrzunehmen, zu spüren und Bewegungsmuster zu verändern, ist ein positiver Bezug zum eigenen Körper notwendig. Bei den Übungen, welche die Körperwahrnehmung verbessern, wird darauf geachtet, zuerst einmal nur zu spüren, ohne zu werten. Dann werden Übungen angewandt, in denen es Momente gibt, wo sich der Reiter entspannt, zentriert und ausbalanciert fühlt. Diese positiven Momente werden genossen, langsam im Bewusstsein gespeichert und können mit der Zeit absichtlich herbeigeführt werden. Dieser Fokus auf Momente in denen sich der Körper gut anfühlt und die Zielsetzung, solche Ideale wieder zu erreichen, das ist Ressourcenorientierung. 

Das Gegenteil wäre eine Orientierung am Defizit: Z.B. wenn ein Reiter immer den Absatz hochzieht und die Zielsetzung darauf gesetzt wird, dass der nicht hoch rutschen darf. Der Vorteil von der Ressourcenorientierung liegt einerseits darin, dass das Problem bei der Wurzel und nicht beim Symptom angepackt wird. (Absatz der hoch rutsch ist nur ein Symptom; z.B. von Unsicherheit). Andererseits – und das ist der pädagogische Aspekt – führt die Ressourcenorientierung zu grösseren Lernfortschritten. Denn eine Orientierung am Defizit führt zu einer Vermeidungshaltung des Kindes: es setzt alles darauf, das Hochrutschen des Absatzes zu vermeiden. Bei dieser Einstellung fixiert sich das Kind auf eine Sache, die Fantasie wird eingeschränkt und Spass macht es kaum. 

Durch die Ressourcenorientierung hingegen lernt das Kind kleine Erfolge zu erkennen und zu geniessen, es kriegt Lust, Neues auszuprobieren und ziemlich sicher hat es dabei Spass. 

Die Reitlehrerinnen versuchen darum möglichst wenig zu sagen „tu das nicht“ (ausser es sind gravierende Fehler, die dem Pferd schaden). Das Können der Reitlehrerin liegt darin, die Aufgabe für das Kind so zu gestalten, dass Erfolgserlebnisse möglich sind und dann im richtigen Moment, wenn das Kind etwas gut macht, zu loben. Dasselbe gilt in der Erziehung der Pferde. 

Weil die Kinder den Umgang mit dem Pferd lernen (Horsemanship), praktizieren sie selber die Ressourcenorientierung. Sie lernen, dass sie dem Pferd so lange zu verstehen geben müssen was sie von ihm verlangen, bis das Pferd das Richtige tut: dann müssen sie ihm Komfort geben (wirkt fürs Pferd als Belohnung: z.B. Druck wegnehmen, streicheln, dem Pferd eine Pause geben). 

Die Ressourcenorientierung wird also nicht nur an sich selber erlebt, sondern auch beim Pferd angewandt. Pferde und Menschen lernen am schnellsten über Erfolgserlebnisse. 

 

Fazit: 

Die Auseinandersetzung mit sich selbst, das Erlernen von Teamfähigkeit und die Orientierung an den eigenen Ressourcen führen beim Kind zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls und ermöglichen eine optimale Entwicklung.